GAD-7 Angst-Screening: Dein Symptom-Profil der letzten zwei Wochen
Wichtig vorab: Der GAD-7 ist ein Screening-Instrument, keine Diagnose. Er misst die Häufigkeit von Angst-Symptomen — und zeigt dir, ob klinische Aufmerksamkeit sinnvoll ist. Wenn du in einer akuten Krise oder Panik bist, wende dich an die Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (24/7, kostenlos, anonym) oder im Notfall an die 112.
Was misst der Test wirklich?
Der Generalized Anxiety Disorder-7 (GAD-7) wurde 2006 von Robert Spitzer, Kurt Kroenke, Janet Williams und Bernd Löwe entwickelt — derselben Gruppe, die den PHQ-9 für Depression vorlegte. Der GAD-7 ist heute das meistgenutzte Angst-Screening-Instrument weltweit.
Trotz des Namens ist der Test nicht nur auf Generalisierte Angststörung (GAS) beschränkt. Studien zeigen, dass er auch sensitiv für Panikstörung, Soziale Phobie und Posttraumatische Belastungsstörung ist — er erfasst also ein breites Spektrum von Angst-Symptomatik.
Der Test besteht aus sieben Items, die Kernsymptome einer Angststörung abdecken:
- Nervosität, Ängstlichkeit, Anspannung
- Unkontrollierbare Sorgen
- Übermäßige Sorgen über verschiedene Bereiche
- Schwierigkeiten zu entspannen
- Ruhelosigkeit
- Reizbarkeit
- Angst, als könnte etwas Schlimmes passieren
Wie der PHQ-9 fragt der GAD-7 nach Häufigkeit in den letzten 14 Tagen. Das ist wichtig: Ein punktueller Angstschub — etwa vor einer Präsentation — ist normal. Chronische Angst über 2+ Wochen ist ein Warnsignal.
Der GAD-7 hat eine Sensitivität von 89 % und Spezifität von 82 % für GAS bei einem Cutoff von 10 (Spitzer et al., 2006). Er ist ein robustes Instrument — aber eben nur ein Instrument.
Wie funktioniert die Auswertung?
Jedes Item wird von 0 (überhaupt nicht) bis 3 (beinahe jeden Tag) bewertet. Summen-Score: 0 bis 21.
Die klinischen Cutoffs:
- 0–4: Minimal — keine oder minimale Angstsymptomatik.
- 5–9: Leicht — leichte Angst, Beobachtung sinnvoll.
- 10–14: Moderat — moderate Angst, Gespräch mit Fachperson empfohlen.
- 15–21: Schwer — ausgeprägte Angst, professionelle Hilfe notwendig.
Ein Wert ab 10 ist das klinisch relevante Signal. Ab dann wird in den deutschen Leitlinien eine weitere Abklärung empfohlen — oft zunächst durch die hausärztliche Praxis.
Wichtig: Einmal hoch, heißt nicht dauerhaft. Angst-Symptome schwanken oft mit äußeren Belastungen. Wenn dein Wert nach einer beruflichen Krise, einer Prüfungsphase oder einem Konflikt hoch ist, kann er mit Beruhigung der Situation fallen. Wenn er trotz ruhiger Umstände hoch bleibt, ist das aussagekräftiger.
Die Dimensionen im Detail
Der GAD-7 liefert einen Gesamtscore, aber die Items geben dir Hinweise auf Art und Quelle der Angst.
Emotional-affektive Symptome (Items 1, 7)
„Nervosität" (Item 1) und „Gefühl, etwas Schlimmes könnte passieren" (Item 7) sind Kern-Symptome generalisierter Angst. Hohe Werte hier sprechen für eine tiefere Angst-Struktur, nicht nur situative Aufregung.
Kognitive Symptome (Items 2, 3)
Unkontrollierbare und übermäßige Sorgen sind das Markenzeichen der GAS. Im Unterschied zur Alltagssorge sind diese Sorgen schwer abschaltbar, springen von Thema zu Thema und binden mentale Kapazität. Hohe Werte hier sind diagnostisch besonders bedeutsam.
Somatische Symptome (Items 4, 5)
„Schwierigkeiten zu entspannen" und „Unruhe" zeigen die körperliche Seite der Angst — Muskelanspannung, Herzrasen, Nervosität. Diese Symptome sind oft, was Betroffene zuerst bemerken.
Irritabilität (Item 6)
Leichte Reizbarkeit ist ein unterschätztes Angst-Symptom. Viele Menschen, die „zu dünn" reagieren, haben eine Angst-Basis, die sie selbst nicht als solche erkennen.
Für wen ist dieser Test relevant?
Der GAD-7 ist sinnvoll für alle, die:
- länger als 2 Wochen unter Sorgen, Anspannung oder Ruhelosigkeit leiden.
- körperliche Angst-Symptome haben (Herzrasen ohne Grund, Muskelverspannungen, Schlafprobleme durch Grübeln).
- unterscheiden wollen, ob ihre „Unruhe" normaler Stress oder eine Angststörung ist.
- bereits in Behandlung sind und Verlauf messen.
- Angehörige sind und das Ausmaß der Angst einer nahestehenden Person einschätzen möchten.
Nicht geeignet als Diagnose-Ersatz, bei akuten Panikattacken (dort sofort ärztliche Hilfe), bei Verdacht auf organische Ursachen (Schilddrüsen-Überfunktion, Herzrhythmusstörungen) — die müssen ärztlich abgeklärt werden.
Abgrenzung zu anderen Tests
Gegenüber dem Beck Anxiety Inventory (BAI): Das BAI ist stärker auf körperliche Angst-Symptome fokussiert (Zittern, Schwitzen, Herzrasen). Der GAD-7 ist breiter und fängt auch kognitive Symptome (Sorgen) ein. Für generalisierte Angst ist der GAD-7 besser; für Panikstörung das BAI.
Gegenüber der State-Trait Anxiety Inventory (STAI): STAI differenziert zwischen aktueller Angst („state") und Trait-Angst (Persönlichkeitseigenschaft). Der GAD-7 ist ein State-Maß (2-Wochen-Fenster).
Gegenüber dem PHQ-9: Angst und Depression überlappen stark — etwa 50 % der Menschen mit einer Depression haben auch eine Angststörung und umgekehrt. Deshalb werden beide Tests oft gemeinsam eingesetzt. Ein hoher GAD-7 ohne hohen PHQ-9 spricht für eine „reine" Angststörung; beide hoch für komorbide Störungen.
Häufige Fragen
Was bedeutet ein hoher Score? Ein Wert von 10 oder höher bedeutet: Deine Angst-Symptomatik in den letzten 2 Wochen war stark genug, dass eine klinisch relevante Angststörung wahrscheinlich ist. Es ist kein Beweis — nur ein Hinweis für fachärztliche Abklärung. Unter 10 schließt eine Angststörung nicht sicher aus — besonders bei Panikstörung oder Spezifischen Phobien.
Wann zum Arzt? Immer, wenn: (a) dein Score ≥ 10 ist, (b) deine Sorgen dich in Alltag, Arbeit oder Beziehungen behindern, (c) du körperliche Symptome wie Herzrasen, Atemnot oder Panikattacken hast, (d) die Angst länger als 6 Monate andauert. Hausärzt:in ist der erste Ansprechpartner.
Ist Angst gefährlich? Angst an sich nicht — sie ist eine normale, überlebenswichtige Emotion. Chronische Angst kann aber Folgen haben: Herz-Kreislauf-Belastung, Schlafmangel, Depression, Substanzmissbrauch als Selbstmedikation. Je früher sie behandelt wird, desto kürzer ist meist der Behandlungsverlauf.
Kann Angst durch körperliche Erkrankungen ausgelöst werden? Ja. Schilddrüsenüberfunktion, Herzrhythmusstörungen, Nebennierenerkrankungen, Koffein-/Nikotin-Exzess und Substanz-Entzug können Angst-Symptome imitieren oder verstärken. Eine körperliche Abklärung ist immer sinnvoll.
Kann ich Angststörungen selbst behandeln? Leichte Symptome lassen sich oft mit Selbsthilfe (Atemübungen, Bewegung, Schlaf, evtl. Apps wie „Moodpath") gut managen. Bei moderaten bis schweren Symptomen ist Psychotherapie nachweislich effektiv — Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist bei Angststörungen die erste Wahl mit sehr guter Erfolgsrate.
Wie oft soll ich den Test machen? Nicht zu oft — das kann Grübeln verstärken. Alle 2–4 Wochen reicht, um Verläufe zu sehen. Bei laufender Therapie meist alle 2–4 Wochen zur Verlaufskontrolle.
Unterscheidet der Test Angststörungen voneinander? Nein. Der GAD-7 ist darauf optimiert, generalisierte Angst zu erfassen, fängt aber auch andere Formen mit ein. Für eine präzise Einordnung (Panikstörung, Soziale Phobie, Agoraphobie, Spezifische Phobie) braucht es ärztliche Diagnostik.
Was du mit dem Ergebnis tun kannst
Wenn dein Wert niedrig (0–4) ist: Kein Grund zur Sorge. Weiter so.
Wenn dein Wert leicht erhöht (5–9) ist: Frühzeichen. Du kannst selbst Einiges tun:
- Atem- und Entspannungsübungen: 4-7-8-Atmung, Progressive Muskelrelaxation, Body-Scan.
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung senkt Angst-Level nachweislich.
- Koffein reduzieren: Kaffee nach dem Mittag weglassen oft ausreichend.
- Schlaf schützen: Schlafmangel verstärkt Angst massiv.
- Sorgen-Termin: Plane täglich 15 Minuten, in denen du dich bewusst Sorgen widmest — und verlagere spontane Sorgen auf diesen Termin.
Wenn dein Wert moderat bis schwer (10+) ist: Professionelle Unterstützung ist angezeigt:
- Hausärzt:in kontaktieren (erster Ansprechpunkt in Deutschland, oft mit Überweisung).
- Terminservicestelle 116 117 für Psychotherapie-Termine.
- Selbsthilfegruppen (etwa Deutsche Angst-Hilfe e.V.) als Ergänzung.
- Bei akuten Panikattacken kann kurzzeitige medikamentöse Unterstützung helfen — das entscheidet deine Ärzt:in.
Angststörungen sind gut behandelbar. Kognitive Verhaltenstherapie hat bei GAS eine Erfolgsrate von 60–70 %; mit Medikation zusätzlich noch höher. Warte nicht Jahre — frühe Behandlung verkürzt den Verlauf erheblich.
Grenzen und Kritik
Der GAD-7 ist ein Screening, keine Diagnostik. Er kann falsch-positive (hoher Score ohne Störung) und falsch-negative Ergebnisse (niedrig trotz Erkrankung, besonders bei Panikstörung oder spezifischen Phobien) liefern. Die klinische Diagnose erfordert ein ärztliches Gespräch.
Außerdem erfasst er generalisierte Angst am besten — nicht Panikstörung, nicht spezifische Phobien, nicht PTSD. Wenn deine Angst situationsgebunden ist (Fliegen, Höhen, Spinnen), wird der GAD-7 möglicherweise nicht anschlagen, obwohl eine Störung vorliegt.
Der Test ist auch nicht differentialdiagnostisch. Angst-Symptome können Teil einer Depression, einer PTSD, einer körperlichen Erkrankung oder einer Substanz-bezogenen Störung sein. Nur ärztliche Untersuchung kann das klären.
Quellen
- Spitzer, R. L., Kroenke, K., Williams, J. B. W., & Löwe, B. (2006). A brief measure for assessing generalized anxiety disorder: The GAD-7. Archives of Internal Medicine, 166(10), 1092–1097.
- Löwe, B., Decker, O., Müller, S., Brähler, E., et al. (2008). Validation and standardization of the Generalized Anxiety Disorder Screener (GAD-7) in the general population. Medical Care, 46(3), 266–274.
- Kroenke, K., Spitzer, R. L., Williams, J. B. W., Monahan, P. O., & Löwe, B. (2007). Anxiety disorders in primary care: Prevalence, impairment, comorbidity, and detection. Annals of Internal Medicine, 146(5), 317–325.
Bei Krise
Notfall
- Polizei/Notruf: 112
- Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (24/7, kostenlos, anonym)
- Krisendienst in Deutschland: https://www.telefonseelsorge.de
- Deutsche Angst-Hilfe e.V.: https://www.dash-berlin.de
- Nummer gegen Kummer für Kinder/Jugendliche: 116 111
- Terminservicestelle Psychotherapie: 116 117
Wichtig: Dieses Tool ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnose. Wenn du in einer akuten Krise oder Panik bist, nimm jetzt professionelle Hilfe in Anspruch. Du musst das nicht alleine durchstehen.