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Forschung 7 min Lesezeit

Der ICAA misst Kreativität nicht als Selbsteinschätzung, sondern über reale kreative Aktivitäten und Leistungen in acht Domänen.

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ICAA Kreativitäts-Test: Kreativität ist kein Gefühl, sondern ein Verhalten

Die meisten Menschen halten sich entweder für kreativ oder nicht. Das ICAA-Inventar dreht die Frage um: Es fragt nicht, wie kreativ du dich fühlst, sondern was du in den letzten 10 Jahren tatsächlich gemacht hast.

Was misst der Test wirklich?

Das Inventory of Creative Activities and Achievements (ICAA) wurde von Jennifer Diedrich, Mathias Benedek und Kolleg:innen 2018 entwickelt. Es gehört zu einer neueren Generation von Kreativitätstests, die einen wichtigen Schritt machen: Statt Selbstbilder oder abstrakte Tests zu nutzen, erfassen sie reales kreatives Verhalten.

Diedrich und Kolleg:innen zeigten, dass traditionelle Kreativitäts-Skalen (etwa der Alternate Uses Test: „Nenne so viele Verwendungen für einen Ziegelstein wie möglich") nur moderat mit echter kreativer Produktion korrelieren. Jemand kann 30 Verwendungen für einen Ziegelstein aufzählen und trotzdem nie ein Gedicht geschrieben, einen Song komponiert oder ein Design entworfen haben.

Der ICAA misst Kreativität deshalb über acht Lebensbereiche (Domänen):

Für jede Domäne fragt der Test: Wie oft hast du in den letzten 10 Jahren bestimmte kreative Aktivitäten ausgeführt? Das ist Verhaltensmessung, keine Selbstdichotomie („kreativ vs. nicht kreativ").

Wie funktioniert die Auswertung?

Du beantwortest 48 Items (6 pro Domäne) auf einer 5-stufigen Häufigkeitsskala: nie / ein paar Mal insgesamt / öfter im Jahr / mehrmals im Monat / wöchentlich oder öfter. Für jede Domäne wird ein Durchschnittswert berechnet.

Der Test produziert acht Domänen-Scores, nicht einen Gesamt-Kreativitäts-Wert. Das ist absichtlich so: Die Forschung der letzten 20 Jahre zeigt, dass Kreativität bereichspezifisch ist. Jemand kann eine Spitzen-Dichterin und zugleich völlig unmusikalisch sein. Ein „Gesamt-Kreativitäts-Index" verwischt diese wichtige Information.

Die Interpretation läuft über die Top-3-Domänen:

Die Dimensionen im Detail

Literatur & Schreiben

Erfasst alles vom Tagebuch über Blogs bis zum Roman-Manuskript. Wichtig: Auch „kreatives" Tagebuch zählt — nicht nur Veröffentlichung. Diese Domäne korreliert stark mit dem Openness-Facet „Ideas" der Big Five.

Musik

Komposition und Improvisation zählen, nicht passives Instrument-Spielen. Wer Noten abspielt, ist musikalisch, aber nicht notwendigerweise kreativ in diesem Sinne.

Bildende Kunst

Von Malerei über Fotografie bis digitale Kunst und Ausstellungen. Hoher Score hier ist oft mit Artistic-Typ im RIASEC gekoppelt.

Handwerk & Design

Die wahrscheinlich am meisten unterschätzte Domäne. Hier zählt Möbelbau, Nähen, Mode-Design, UI-Design, Produktprototyping — alles, wo Form und Funktion verschmelzen.

Kochen & Backen

Wird oft als „nicht-kreativ" abgetan. Im ICAA zählt aber die Eigen-Kreation: neues Rezept, eigenes Menü, Fermentation, Food-Blog. Abschneiden eines YouTube-Rezepts ist nicht ICAA-kreativ.

Sport & Bewegung

Wer Choreografien baut, eigene Trainingsmethoden entwickelt oder Bewegungsroutinen erfindet, ist hier hoch. Wer joggt und dem Trainer folgt, nicht.

Wissenschaft

Eigene Experimente, Forschungsbeiträge, Theoriebildung. Hoher Score hier korreliert stark mit Investigative (RIASEC I).

Bühne & Performance

Vorträge, Podcasts, Theater, Stand-Up, Workshops. Das ist Kreativität mit Publikum — sie hängt stark mit Extraversion und Social-Typ zusammen.

Für wen ist dieser Test relevant?

Der ICAA ist besonders spannend für:

Abgrenzung zu anderen Tests

Gegenüber divergent-thinking-Tests (etwa Alternate Uses Test, Torrance Tests): Diese messen das kognitive Potenzial, viele Ideen zu produzieren. Der ICAA misst reale Umsetzung. Beide korrelieren nur moderat — d.h. hohes Ideen-Potenzial führt nicht automatisch zu kreativem Output.

Gegenüber dem Big-Five-Facet Openness: Openness misst Neigung zu Neuem, Abstraktem, Ästhetischem. Der ICAA misst, was daraus im Leben entsteht. Korrelation: r ≈ 0.4 — deutlich, aber weit entfernt von identisch.

Gegenüber Creative Achievement Questionnaire (CAQ) von Carson et al. (2005): Der CAQ misst primär kreative Spitzenleistungen (Preise, Publikationen). Der ICAA ist breiter und erfasst auch Alltagskreativität („kleines k"). Für die meisten Menschen ist der ICAA aussagekräftiger.

Häufige Fragen

Zählt mein Beruf als kreativ? Nur, wenn du dort selbst kreative Produktion machst. Grafiker:in als Angestellte, die Kundenvorgaben umsetzt, wäre niedriger als Grafiker:in, die eigene Illustrationen verkauft.

Was, wenn meine Kreativität nicht in den 8 Domänen liegt? Der ICAA deckt Programmierung, Unternehmertum, soziale Innovation und pädagogische Kreativität nicht ab. Der Test ist ein Fenster, nicht die ganze Welt.

Ist Kreativität angeboren? Sie hat eine moderate genetische Komponente (etwa 50 %), aber der Rest ist Umwelt, Übung und Gelegenheit. Menschen, die mit Malen aufwachsen, haben höhere A-Werte — nicht, weil sie „geboren" sind, sondern weil sie geübt haben.

Warum sind meine Werte niedriger als erwartet? Oft liegt es daran, dass Kreativität „nur passiert", ohne sichtbaren Output. Der ICAA erfasst Output. Ein kreativer innerer Reichtum ohne Umsetzung zählt hier nicht.

Ändert sich Kreativität im Lebensverlauf? Ja, stark. Elternschaft, Jobs, Krisen, Lebensphasen öffnen und schließen Domänen. Der ICAA fragt nach 10 Jahren, um solche Phasen zu puffern.

Was, wenn ich in mehreren Domänen hoch scorest? Du bist breit kreativ aktiv. Das ist ein Stärke — aber manchmal auch Zeichen, dass du dich verzettelst. Lohnt es, eine Domäne zu fokussieren?

Was du mit dem Ergebnis tun kannst

Der ICAA ist weniger Urteil als Landkarte:

Grenzen und Kritik

Der ICAA ist retrospektiv und damit anfällig für Erinnerungsverzerrung — wir erinnern uns oft an Phasen aktiver Kreativität schärfer als an passive Phasen. Außerdem zählt er Aktivität, nicht Qualität. Jemand, der täglich schlechte Gedichte schreibt, scort hoch; jemand, der alle zwei Jahre ein brillantes Gedicht schreibt, scort niedrig.

Der Test ist Self-Report, also anfällig für soziale Erwünschtheit und Selbstinszenierung. Außerdem blendet er Domänen aus, die in der Forschungsliteratur unterrepräsentiert sind (Coding, Unternehmertum, Lehre, Handwerk in engerem Sinne).

Nimm den ICAA als Einladung zur Reflexion, nicht als Rangliste deiner Kreativität.

Quellen

Bereit?

Kreativität (ICAA kurz) starten

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