PHQ-9 Depression-Screening: Dein Symptom-Verlauf, nicht dein Urteil
Wichtig vorab: Der PHQ-9 ist ein Screening-Instrument, keine Diagnose. Ein Ergebnis — auch ein hohes — sagt nicht, dass du eine Depression hast. Es zeigt nur, ob deine Symptome in den letzten 2 Wochen klinische Aufmerksamkeit verdienen. Wenn du dich in einer Krise befindest oder Suizidgedanken hast, wende dich sofort an die Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (24/7, kostenlos, anonym) oder im akuten Notfall an die 112.
Was misst der Test wirklich?
Der Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9) wurde 2001 von Kurt Kroenke, Robert Spitzer und Janet Williams an der Columbia University und Pfizer entwickelt. Er ist heute das weltweit meistgenutzte Depressions-Screening-Instrument in Hausarztpraxen, Krankenhäusern und Forschungsstudien.
Der Test besteht aus neun Items — jedes entspricht einem der DSM-5-Kernkriterien für eine Major Depression:
- Wenig Interesse oder Freude an Tätigkeiten (Anhedonie)
- Niedergeschlagenheit, Schwermut, Hoffnungslosigkeit
- Schlafprobleme oder übermäßiger Schlaf
- Müdigkeit, Energielosigkeit
- Appetitveränderungen
- Negatives Selbstbild, Versagensgefühl
- Konzentrationsprobleme
- Psychomotorische Verlangsamung oder Unruhe
- Suizidgedanken oder Selbstverletzungsgedanken
Der Test fragt nach der Häufigkeit jedes Symptoms in den letzten 14 Tagen. Er misst also deinen aktuellen Zustand, nicht deine Lebens-Baseline. Ein hoher PHQ-9-Wert kann nach einer akuten Lebenskrise, einem Verlust oder einer belastenden Phase auftreten — und wieder sinken.
Der PHQ-9 hat eine Sensitivität von 88 % und Spezifität von 88 % für eine klinische Major Depression bei einem Cutoff von 10 (Kroenke et al., 2001). Das macht ihn zu einem der validesten Kurz-Screener überhaupt.
Wie funktioniert die Auswertung?
Jedes Item wird von 0 (überhaupt nicht) bis 3 (beinahe jeden Tag) bewertet. Der Summen-Score liegt zwischen 0 und 27.
Die klinischen Cutoffs (Kroenke & Spitzer, 2002):
- 0–4: Minimal — keine oder minimale depressive Symptomatik.
- 5–9: Leicht — leichte Symptomatik, Beobachtung sinnvoll.
- 10–14: Moderat — moderate Symptomatik, Unterstützung empfohlen.
- 15–19: Mittelschwer — professionelle Hilfe nachdrücklich empfohlen.
- 20–27: Schwer — zeitnahe professionelle Hilfe notwendig.
Ein Wert ab 10 ist das klinisch relevante Warnsignal. Ab diesem Wert empfiehlt die deutsche S3-Leitlinie eine weitere ärztliche Abklärung.
Item 9 (Suizidgedanken) hat besondere Bedeutung. Ein Wert > 0 auf diesem Item — unabhängig vom Gesamtscore — ist immer ein Grund, professionelle Hilfe zu suchen. Auch wenn du denkst: „Es ist nicht so schlimm, ich würde nie etwas tun." Der Gedanke selbst ist ein Signal, das Aufmerksamkeit verdient.
Die Dimensionen im Detail
Der PHQ-9 liefert einen Gesamtscore, aber die einzelnen Items zeigen dir wo die Symptome liegen. Das ist für Gespräche mit Ärzt:innen oder Therapeut:innen wertvoll.
Affektive Symptome (Items 1, 2)
Anhedonie (kein Interesse/Freude) und dysphorische Stimmung sind die Kernsymptome einer Depression. Eines dieser beiden muss nach DSM-5 vorhanden sein. Hohe Werte hier deuten stark auf eine affektive Störung.
Somatische Symptome (Items 3, 4, 5)
Schlaf, Energie, Appetit sind stark beeinträchtigt. Diese Symptome sind unspezifischer — sie können auch bei körperlichen Erkrankungen, Burnout, Stress oder Schilddrüsenproblemen auftreten. Deshalb ist ärztliche Abklärung wichtig.
Kognitive Symptome (Items 6, 7)
Negatives Selbstbild und Konzentrationsprobleme. Besonders Item 6 („Ich habe versagt") ist diagnostisch bedeutsam — chronische Selbstabwertung ist ein Depressions-Marker.
Motorische Symptome (Item 8)
Verlangsamung oder innere Unruhe. Oft von außen sichtbarer als für dich selbst.
Suizidgedanken (Item 9)
Das wichtigste Item überhaupt. Jeder Wert > 0 erfordert professionelles Gespräch — auch wenn du die Gedanken nicht umsetzen würdest.
Für wen ist dieser Test relevant?
Der PHQ-9 ist sinnvoll für alle, die:
- Länger als 2 Wochen niedergeschlagen, energielos oder interessenlos sind.
- eine akute Lebenskrise durchleben und ihre Symptomstärke einordnen wollen.
- sich unsicher sind, ob sie „nur Stress" oder ernste Symptome haben.
- bereits in Behandlung sind — der PHQ-9 wird oft genutzt, um Verlauf und Therapie-Erfolg zu messen.
- Angehörige sind und verstehen wollen, was mit einer nahestehenden Person passiert.
Nicht geeignet: Als Diagnose-Ersatz, bei akutem Suizidrisiko (dort sofort professionelle Hilfe), bei gleichzeitigen körperlichen Erkrankungen, die die Symptome verursachen können (dort muss die Ärzt:in das Gesamtbild einschätzen).
Abgrenzung zu anderen Tests
Gegenüber dem Beck Depression Inventory (BDI-II): Das BDI-II ist umfangreicher (21 Items statt 9), etwas sensibler in klinischen Populationen, aber langsamer. Der PHQ-9 ist in der Hausarzt-Praxis und im Screening Standard. Beide messen dasselbe Konstrukt.
Gegenüber dem GAD-7 (Angst-Screener): Der PHQ-9 misst Depression, der GAD-7 Angst. Beide überlappen klinisch stark — 50 % der Menschen mit Depression haben zusätzlich Angststörungen. Deshalb werden die beiden oft zusammen eingesetzt (PHQ-9 + GAD-7 = „PHQ-ADS").
Gegenüber Stimmungstagebüchern: Tagebücher zeigen Tages-Variation, der PHQ-9 zeigt die 2-Wochen-Baseline. Beide ergänzen sich. Tagebücher sind besonders hilfreich, um Trigger zu identifizieren.
Häufige Fragen
Was bedeutet ein hoher Score? Ein Wert von 10 oder höher bedeutet: Deine Symptome in den letzten 2 Wochen waren stark genug, dass eine klinische Major Depression wahrscheinlich ist. Es ist kein Beweis — nur ein Hinweis, dass professionelle Abklärung sinnvoll ist. Ein Score unter 10 schließt eine Depression nicht sicher aus.
Wann zum Arzt? Immer, wenn: (a) dein Score ≥ 10 ist, (b) Item 9 > 0 ist (Suizidgedanken), (c) Symptome länger als 2 Wochen dauern, (d) du nicht mehr normal arbeiten, lernen oder Beziehungen führen kannst. Hausärzt:in ist die erste Anlaufstelle in Deutschland.
Ich habe Suizidgedanken, aber würde nie etwas tun — muss ich trotzdem Hilfe suchen? Ja. Suizidgedanken sind ein Symptom, das mit Unterstützung in fast allen Fällen nachlässt. Warten, bis es „schlimmer wird", ist der häufigste Fehler. Die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) ist kostenlos, 24/7 und anonym.
Kann ich mich selbst falsch einschätzen? Ja, in beide Richtungen. Manche Menschen bagatellisieren Symptome („anderen geht es schlechter"), andere überzeichnen sie. Deshalb ist ein Gespräch mit einer Fachperson wichtig — sie sieht, was du selbst schwer siehst.
Ist ein hoher Score lebenslang? Nein. Depressive Episoden sind in 80 % der Fälle behandelbar und remittieren. Mit Psychotherapie, bei Bedarf zusätzlich mit Medikation, erholen sich die meisten Menschen vollständig.
Was, wenn meine Symptome körperliche Ursachen haben? Schilddrüsenunterfunktion, Vitamin-D-Mangel, Eisenmangel, Schlafapnoe und viele andere körperliche Erkrankungen können PHQ-9-Werte erhöhen. Eine hausärztliche Abklärung (Blutbild, Schilddrüse) ist deshalb ein vernünftiger erster Schritt.
Wie oft soll ich den Test machen? Nicht täglich — das verstärkt Grübeln. Einmal alle 2–4 Wochen reicht, um Verläufe zu sehen. Bei Verlaufskontrolle in Therapie meist alle 2–4 Wochen.
Was du mit dem Ergebnis tun kannst
Wenn dein Wert niedrig (0–4) ist: Beobachte dich weiter, aber keine akute Handlung nötig.
Wenn dein Wert leicht erhöht (5–9) ist: Das sind frühe Warnzeichen. Du kannst selbst einiges tun:
- Schlaf-Hygiene priorisieren (gleiche Aufsteh-Zeit, weniger Alkohol, weniger Bildschirm vor dem Schlafen)
- Bewegung (30 Minuten täglich, selbst Spazieren hat nachgewiesenen antidepressiven Effekt)
- Sozialer Kontakt (Isolation verstärkt depressive Symptomatik)
- Wenn nach 2 Wochen keine Besserung: hausärztliches Gespräch
Wenn dein Wert moderat bis schwer (10+) ist: Bitte hol dir professionelle Unterstützung. Das ist kein Zeichen von Schwäche — es ist die erwachsene, evidenzbasierte Reaktion auf einen Test, der sagt: hier ist etwas, das Fachkompetenz braucht. Erste Schritte:
- Hausärzt:in anrufen und einen Termin buchen (erster Ansprechpunkt in Deutschland).
- Bei Wartezeiten: Terminservicestelle 116 117 anrufen — sie vermitteln Psychotherapie-Termine.
- Telefonseelsorge 0800 111 0 111 kann als Brücke dienen, bis du einen Termin hast.
Dokumentiere deine PHQ-9-Werte im Verlauf. Therapie-Erfolg wird oft anhand von PHQ-9-Reduktion gemessen — dein eigener Verlauf ist wertvolle Information.
Grenzen und Kritik
Der PHQ-9 ist ein Screening-Instrument, kein diagnostisches Verfahren. Er kann falsch-positive Ergebnisse liefern (hohe Werte trotz keiner Depression) oder falsch-negative (niedriger Wert trotz vorhandener Erkrankung). Die eigentliche Diagnose erfordert ein ärztliches Gespräch mit Anamnese, Differenzialdiagnose und ggf. Laboruntersuchung.
Außerdem misst der PHQ-9 nur Major Depression. Andere affektive Störungen (bipolare Störung, Dysthymie, persistierende depressive Störung, saisonale Depression) erfassen andere Muster. Ein normaler PHQ-9 schließt diese nicht aus.
Der Test ist auch kulturell westlich geprägt. In manchen Kulturen zeigt sich Depression eher in körperlichen Symptomen (Kopfschmerzen, Müdigkeit) — der PHQ-9 erfasst diese nur am Rand.
Quellen
- Kroenke, K., Spitzer, R. L., & Williams, J. B. W. (2001). The PHQ-9: Validity of a brief depression severity measure. Journal of General Internal Medicine, 16(9), 606–613.
- Kroenke, K., & Spitzer, R. L. (2002). The PHQ-9: A new depression diagnostic and severity measure. Psychiatric Annals, 32(9), 509–515.
- Gilbody, S., Richards, D., Brealey, S., & Hewitt, C. (2007). Screening for depression in medical settings with the Patient Health Questionnaire (PHQ). Journal of General Internal Medicine, 22(11), 1596–1602.
- DGPPN et al. (2022). S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression.
Bei Krise
Notfall
- Polizei/Notruf: 112
- Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (24/7, kostenlos, anonym)
- Krisendienst in Deutschland: https://www.telefonseelsorge.de
- Nummer gegen Kummer für Kinder/Jugendliche: 116 111
- Terminservicestelle Psychotherapie: 116 117
Wichtig: Dieses Tool ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnose. Wenn du in einer Krise bist, Suizidgedanken hast oder dir etwas antun möchtest, nimm jetzt professionelle Hilfe in Anspruch. Du musst das nicht alleine durchstehen.